C u s a n u s - O p e r

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Das Werk des Nikolaus von Kues

Im folgenden werden einige Werke mit ihren zentralen und charakteristischen Aspekten vorgestellt. Dies geschieht mit gezieltem Blick auf dasjenige, was in Cusanus - Fragmente der Unendlichkeit thematisch berührt wird.

 

De concordantia catholica

Das erste große Werk des Cusanus ist ein kirchenpolitisches. Von der allgemeinen Eintracht / De concordantia catholica (1433/34) bietet ein Plädoyer für die Konzilspartei beim Basler Konzil. Das Werk enthält darüber hinaus zentrale systematische Überlegungen zum modernen Demokratiebegriff und die erste, bis ins Praktische reichende Konzeption von freien und geheimen Wahlen, welche Cusanus für die Königswahl entwickelt.

De docta ignorantia

Seinen philosophisch-theologischen Ruhm begründet indes die 1440 vollendete Schrift Über die belehrte Unwissenheit / De docta ignorantia. Sie besteht aus drei Büchern: einer Lehre von der Erkenntnis des maximum absolutum, also Gottes, einer Kosmologie und einer Christologie. Im ersten Buch beschäftigt sich Nikolaus mit der Erkenntnis des Nichtwissens von der Wahrheit. Diese kann mit dem menschlichen Wissen nicht erfaßt werden; mit der Einsicht in die menschliche Unwissenheit um die absolute Wahrheit jedoch ist ein erster (negativer) Grundzug der docta ignorantia, die belehrte Unwissenheit, erreicht. Die scheinbare Einschränkung durch das Nichtwissen wird Cusanus aber im Verlaufe seines Werkes als die eigentliche Chance des Menschen begreifen.

Der Grund, weshalb sich die Wahrheit dem Wissen des Menschen entzieht, liegt in ihrer Unvergleichlichkeit mit allem Endlichen. Die Wahrheit gehört in den Bereich des Unendlichen; und zwischen Unendlichem und Endlichem besteht kein Verhältnis; deswegen ist es auch nicht möglich, durch einen Vergleich mit dem Endlichen neue Erkenntnisse über das Unendliche zu gewinnen.

Auch Gott findet sich im Bereich des Unendlichen; als der Unendliche ist er die absolute Wahrheit. Insofern ist es dem endlichen Menschen unmöglich, durch seinen endlichen Intellekt Gott zu begreifen. Der einzige Weg, sich Gott anzunähern, besteht nach Cusanus darin, von gegebenem Wissen auszugehen und davon Gebrauch zu machen, indem man es auf das unbegreifbare Wissen anwendet. Cusanus nähert sich diesem unbegreifbaren Wissen mit Hilfe mathematischer Bilder. Er beschreibt das mathematische Wissen (als besonders geeignetes Beispiel für alle anderen Ideen überhaupt, nämlich als Fähigkeit zur Verdeutlichung von Zusammenhängen) als sicheres Wissen, da es allein durch den menschlichen Intellekt und in ihm existiert; schließlich findet sich nirgendwo in der Natur ein perfekter Kreis oder ein perfektes Dreieck – dessen vollkommene Konstruktion ist nur im menschlichen Geiste möglich. Genauso wie der Mensch dieses Wissen, welches allein in seinem Geist existiert, ohne Bedenken (was, historisch betrachtet, keineswegs immer der Fall war) auf die Welt anwendet, kann man es aber auch in gleicher Weise auf Gott beziehen. Cusanus versucht diesen Weg einer mathematischen Annäherung an Gott mit Hilfe geometrischer Figuren zu beschreiten.

Bei Cusanus führt die Übertragung der Eigenschaften endlicher geometrischer Figuren auf die unendlichen Figuren zu einem Ineinsfall der Gegensätze (coincidentia oppositorum), da die Widersprüchlichkeit zwar für den Bereich des menschlichen Verstandes (ratio), jedoch nicht mehr im Bereich der Vernunft (intellectus) gilt. In Gott (aber nicht mit Gott) fallen alle Gegensätze zusammen, denn in Gott hat alles sein Sein. Stellt man sich einen nicht nur mathematisch, d.h. im Endlichen unendlichen, sondern real unendlichen Kreis vor, ist dessen Kreisbogen gleich einer Geraden, der Bogen fällt mit der Geraden zusammen.

Hier ist außerdem die negative Theologie von Bedeutung; sie geht auf die kurz nach 500 n. Chr. entstandenen Schriften von Ps.-Dionysius Areopagita

Anmerkung

erklärung   zurück und geht von der Grundeinsicht aus, daß Gottes Wesen nicht mit endlichen Begriffen erfaßt oder beschrieben werden könne; allein über negative Aussagen des Endlichen könne versucht werden, es zu beschreiben. Über Gott lassen sich also keine unmittelbaren Aussagen, sondern nur mittelbare Aussagen treffen; sie betreffen nicht Gott selbst, sondern werden in Begriffen gefaßt, welche der Mensch in Abhängigkeit von seinem Intellekt bildet; so treffen zum Beispiel die Begriffe des Seins oder des Guten nicht auf Gott zu: Gott ist, existiert nicht in dem Sinne, wie sein Geschöpf existiert. Er ist auch nicht gut in dem Sinne, wie der Mensch gut versteht.

Das zweite Buch von De docta ignorantia handelt von der Kosmologie. Bei Cusanus ist die gesamte Schöpfung eine Ausfaltung, wie Cusanus sagt, der Unendlichkeit Gottes, was im Rückschluß heißt, daß die gesamte Welt in der Unendlichkeit Gottes eingefaltet ist. In der Ausfaltung liegt das Sein der Welt. Die erste Ausfaltung Gottes ist das Universum, die Welt, in der die Wesenheit alles Seienden liegt. Diese ist als Ausfaltung des Unendlichen selbst unendlich. Aufgrund dieser Unendlichkeit sowie des bereits erläuterten Gedankens des Ineinsfalls der Gegensätze ist ein absolut Kleinstes oder Größtes Cusanus zufolge nicht möglich. Demnach kann es im Universum auch keinen Mittelpunkt geben, alles ist immer in Bewegung. Je nachdem von welcher Perspektive aus etwas betrachtet wird, ist es möglich, im Zentrum zu sein oder einen Mittelpunkt zu sehen. Der Mensch beispielsweise sieht sich selbst im Zentrum seiner Welt, unabhängig davon, an welchem Ort er gerade steht. Diese aus der Kunst der Renaissance mit der aufkommenden Zentralperspektive gewonnene Einsicht führt Cusanus schon vor Kopernikus zu der Aussage, daß die Welt nicht im Mittelpunkt des Weltalls stehe, sondern sich wie alle Sterne in Kreisform bewege – eine Aussage, welche zu vertreten, wie die Namen Galileo Galilei und Giordano Bruno belegen, noch Jahrhunderte nach Cusanus nicht ungefährlich war.

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© 2007  August Herbst &  Institut für Cusanus-Forschung, Trier