C u s a n u s - O p e r

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De coniecturis

In der gegen 1442/43 verfaßten Schrift Über Mutmaßungen / De coniecturis befaßt sich Cusanus mit dem Menschen, seiner Stellung in der Welt und der schöpferischen Kraft des menschlichen Geistes. Das Wort coniectura ist die wörtliche Übersetzung des griechischen Begriffs Symbol. Aber auch Vermutung oder perspektivische Einsicht sind deutsche Übersetzungsmöglichkeiten.

In De docta ignorantia hatte Cusanus festgestellt, daß der Mensch, gleichgültig wie sehr er sich um Erkenntnis bemüht, das Wesen der Wirklichkeit nie ganz erfassen kann; denn er befindet sich stets in der Endlichkeit und hat darum auch immer nur ein beschränktes Wissen. In De coniecturis betont er demgegenüber die kreative Kraft des menschlichen Denkens. Zunächst legt er dar, wie der Geist eine Fülle von Mutmaßungen produziert. Er schafft sich Begriffe und Vorstellungen von der Welt. Der menschliche Geist zählt aber wiederum zum Bereich des Göttlichen, denn er ist uns als Gottes Bild (imago dei) gegeben, und durch seine Kraft kann er unendlich mutmaßen. Die individuelle und zugleich universelle Produktivität des Geistes nimmt bei Cusanus eine bedeutende Stellung ein, da sich der Mensch mit seiner schöpferischen Kraft dem göttlichen Intellekt annähern kann. So wie Gott die Erde schuf, schafft der Mensch seine Welt, Kultur und Begriffe. Hier macht Cusanus den Abbildcharakter der menschlichen zur göttlichen Schöpferkraft deutlich, indem er zwischen drei Erkenntnisstufen unterscheidet.

Die erste und niedrigste Stufe ist diejenige, die er mit ratio (Verstand) bezeichnet. Sie umfaßt den Bereich der Logik und der Mathematik, der einzigen Wissenschaft, über deren Wahrheitsgehalt es keinerlei Zweifel gibt. Zudem verarbeitet der Mensch mit Hilfe der ratio die Eindrücke der Sinneswelt. Die dritte und höchste Stufe ist der Bereich der Transzendenz Gottes. Hier befindet sich die Wahrheit an sich, das Absolute. Dazwischen existiert ein Zwischenraum, der vom intellectus, der menschlichen Vernunft, repräsentiert wird. Der Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits wird durchsichtig durch ein zielgerichtetes Denken, ein Denken, das geschult werden muß. Dann erreicht der Mensch die zweite Ebene des Intellekts. Indem der Mensch etwas Neues schafft, gelingt es ihm für kurze Momente, die Wahrheit Gottes im Intellekt zu sehen. Durch dieses Streben und das ständige Arbeiten an sich verändert der Mensch sich selbst.

Doch was genau ist Erkenntnis, wo ist diese kreative Schöpfungskraft beheimatet? Sieht man Erkenntnis nominalistisch, geht man also davon aus, daß Ideen nicht an sich existieren, sondern reine Benennungen, Namen sind, dann haben sie auch keine eigentliche Bedeutung, kein eigentliches Sein. Sind Ideen jedoch real, verfügen also über eine von ihren Gegenständen unabhängige Existenz, dann besitzen sie Wert und existieren auch dann, wenn man ihnen die Namen wieder abspricht. Aufgrund seiner Idee vom schöpferischen Wesen des Menschen kann Cusanus weder eine nominalistische noch eine realistische Position vertreten: Wären die Ideen realistisch zu verstehen, könnte der Geist nicht schöpferisch sein, weil die Ideen schon gegeben sind. Wären die Ideen nur nominalistisch aufzufassen, wäre der Geist nicht schöpferisch, weil er nur ein Nichts schaffen würde. Cusanus löst dieses Problem, indem er sagt, daß der Mensch als Abbild des göttlichen Geistes (imago Dei) existiert und an ihm teilhat. Der göttliche Geist wiederum existiert und so auch der menschliche Intellekt. Durch die Teilhabe am Göttlichen hat der Mensch auch an der Schöpfung durch seine eigene Schöpferkraft Anteil.

Der Zwischenraum, in den der Mensch tritt, nimmt also etwas von der realen Welt und der Substanz Gottes, der Transzendenz, ein. Folglich versteht man von der göttlichen Vernunft um so mehr, je tiefer man in den menschlichen Geist eindringt und ihn schult. Je mehr Erkenntnisfähigkeit sich der Mensch aneignet, desto mehr hat er teil an der göttlichen Erkenntnis. Die "Rückkopplung", die beim Erkennen eintritt, ist das Können. Je mehr ich weiß, desto mehr kann ich in die Tat umsetzen. Dadurch, daß ich manche Dinge lerne, seien sie theoretischer oder praktischer Art, bin ich in meinem Selbst ein Stück gereift, ein Stück gewachsen und ein anderer geworden.

Am Ende der Schrift geht es um die Frage der Selbsterkenntnis. Im Erkenntnisakt manifestiert sich die Verbindung des Menschen zu Gott. Cusanus sagt nicht, daß der Mensch mit Gott identisch ist; denn das wäre Blasphemie. Aber er ist der Auffassung, daß jeder Mensch an Gott in seinem Geist teilhat, Göttliches in sich trägt, ihm gleich werden kann und sogar die Wahrheit in bestimmter Weise schauen kann.

Der Mensch, der die Fähigkeit zur gänzlichen Annäherung an Gott besitzt, ist nun in seiner Dreigeteiltheit bestrebt, die Dunkelheit, d.h. die Welt, zu verlassen, in der alle Wahrnehmung lediglich auf Sinneswahrnehmung beruht. Dies veranschaulicht Cusanus mit der sogenannten "Figura p", welche zwei Dreiecke, das des Lichts und das der Finsternis, darstellt, deren Spitzen sich gegenseitig durchdringen. Ziel ist es nun, das Licht (Gott) zu erreichen, die Ebene der Ideen und Vorstellungen. Der Weg führt über die Mathematik sowie die ratio. Denn zunächst werden aus Einzelbegriffen reine Begriffe gebildet, in denen der Wesensbegriff erreicht wird. Hier wird das Verhältnis von Göttlichem und Menschlichem erneut sehr deutlich. Denn bei allem Aufstieg zum Licht bleibt, wie die "Figura p" verdeutlicht, immer ein Punkt des Dunkels zurück; das aber ist für Cusanus kein Mangel, sondern Ausdruck der Tatsache, daß die menschliche Individualität als solche immer erhalten bleibt: Der Mensch löst sich nicht einfach in das göttliche Licht auf, sondern er sucht das Licht in der Dunkelheit bzw. in der Welt, nicht außerhalb von ihr.

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© 2007  August Herbst &  Institut für Cusanus-Forschung, Trier