C u s a n u s - O p e r

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De filiatione Dei

Diesen Ansatz arbeitet Nikolaus um das Jahr 1445 in einer Reihe kleinerer Schriften weiter aus. In ihnen wird auch der Einfluß Meister Eckharts auf Cusanus faßbar. Meister Eckhart hat Nikolaus von Kues vor allem mit seinen Gedanken über die Gottesgeburt in der Seele inspiriert und beeinflußt. Eckhart spricht in seinen Werken immer wieder von dem "Seelenfünklein", dem Funken Gottes in der menschlichen Seele. Durch die "Abgeschiedenheit" von äußerlichen, weltlichen Dingen und ein Loslassen von allen Dingen, vor allem von sich selbst und gar von Gott (so wie man ihn sich vorstellt) um Gottes willen wird der Seelenadel dieses "Bürgleins", wie Eckhart das Unaussprechliche auch nennt, erreicht. Eckhart wurde für 28 seiner aufgestellten Thesen und Sätze der Häresie angeklagt und verurteilt; Nikolaus von Kues wagt sich mit erheblich mehr Vorsicht an dieses Thema. Während bei Eckhart von der Gleichwerdung des Menschen mit Gott die Rede ist und dies oft so gedeutet wurde, daß der Mensch tatsächlich Gottes Identität annimmt, nimmt sich Cusanus des Sachverhalts behutsam mit Metaphern an und betont die Gleichheit (nicht die Identität) von Gott und Mensch.

Wie ein Versuch zur Rechtfertigung von Meister Eckhart wirken die beiden Werke des Nikolaus von Kues: Über Gotteskindschaft / De filiatione Dei und Die Gabe vom Vater der Lichter / De dato Patris luminum. Cusanus setzt Gott in der ersten Schrift mit einem perfekten Spiegel, alle Kreaturen mit verschmutzten, krummen Spiegeln gleich, die um den perfekten Spiegel im Kreis stehen. Die Geschöpfe, die voller Makel sind, sind zunächst nicht fähig, Gott rein zu erkennen. Zwar nehmen einige das Spiegelbild Gottes klarer auf, andere dunkler und verschwommener, jedoch der eine perfekte reine Spiegel findet sich nur in Gott selbst, beziehungsweise dem Sohn Gottes, der die Spiegelachse darstellt, jedoch Gott unmittelbar gleich ist. Die Menschen haben im Gegensatz zu den übrigen Geschöpfen eine Sonderstellung. Sie haben als einzige die Fähigkeit, sich zu begeradigen, sich zu reinigen und sich somit dem perfekten Spiegel anzunähern, den makellosen Spiegel immer makelloser widerzuspiegeln. Durch dieses Fortschreiten in der Ähnlichkeit mit der höchsten Geradheit, dieser Vollkommenheit, die nur Gott zukommt, wird die höchste Ähnlichkeit mit ihm erreicht, die Vereinigung mit Gott, die Gotteskindschaft.

Der Mensch ist demnach selbst dafür verantwortlich, in welchem Maße er sich Gott nähert, ihn makellos widerspiegelt. Je mehr der einzelne Mensch seine Freiheit nutzt, kreativ an sich zu arbeiten, sich zu gestalten, desto mehr wird er zum lebendigen Bild Gottes, erreicht die Gotteskindschaft. Obwohl Cusanus ganz deutlich die Ideen Eckharts wieder aufgreift, schwächt er mit seinem Spiegelgleichnis die Identifikation des Menschen mit Gott zu einer als Ziel eines dynamischen Prozesses zu erstrebenden Gleichheit ab.

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© 2007  August Herbst &  Institut für Cusanus-Forschung, Trier