C u s a n u s - O p e r

zurück    |   Inhaltsübersicht    |   weiter

Die Idiota-Dialoge

Zu einem Gesamtentwurf fügt Cusanus dieses Konzept im vom Papst anläßlich des Wiener Konkordats und der Überwindung des Schismas ausgerufenen Jubeljahrs (in einem solchen Jahr wurde ein besonderer Ablaß der Sündenstrafen gewährt) 1450 zusammen. In rascher Folge entstehen Der Laie über die Weisheit / Idiota de sapientia im Umfang von zwei Büchern, Der Laie über den Geist / Idiota de mente und Der Laie über Versuche mit der Waage / Idiota de staticis experimentis im Umfang von jeweils einem Buch. Er untersucht die Frage, was der Geist des Menschen sei (De mente) und inwiefern er Leistungen im Geistigen (De sapientia) und in der Welt (De staticis experimentis) zu vollbringen mag.

Die Zentralgestalt aller Bücher ist der Idiota, der Laie, eine Figur, die im Mittelalter als jemand galt, der nicht lesen und schreiben konnte und auch des Lateinischen nicht mächtig war. Ein Idiota empfing sein ganzes theologisches Wissen über Bilder und Ikonendarstellungen der Kirche und nicht durch die Lektüre der Bibel. Gerade dadurch aber avancierte der Idiota zur Leitfigur einer neuen Intellektualität. Aufgrund der ausschließlichen Beherrschung seiner Muttersprache war er unabhängig von den lateinisch sprechenden Autoritäten seiner Zeit und vom Bücherwissen. Er konnte, ja mußte sich sogar vollkommen auf seine eigene Wahrnehmung und sein Denken stützen – damit aber auch auf Erfahrung, Experiment und autonomes Urteil. In der Figur des Laien gestaltet Cusanus diesen neuen Typus des Intellektuellen mit der Autonomie des Subjekts und der Unabhängigkeit vom formalen Bildungsgrad.

Die beiden Bücher über die Weisheit, das erste schrieb er am 15. Juli 1450 an nur einem Tag, beinhalten einen Dialog zwischen dem Idiota und einem Orator, dem Vertreter des rhetorisch geschulten Wissenschaftlers der Renaissance. In der Einleitung des Dialoges steht der Arroganz des Gelehrten und seinem Bücherwissen die Bescheidenheit des Laien mit seinem auf eigene Erfahrung gestützten Wissen gegenüber. Der Laie lernt aus "Gottes Büchern", das bedeutet aus der Natur. Sie beobachten zusammen das Treiben auf dem Markt, und der Laie erklärt, daß die Menschen sich durch die Tätigkeiten des Wiegens und Messens von den Tieren unterscheiden. Die Mathematik als Werkzeug des Menschen wurzelt in seiner Ratio, seinem Geist. Alles Rechnen, Messen etc. beruht aber letztlich auf einer vorausgesetzten Einheit. Wodurch gelangt man zu dieser Einheit, die dem Messen zugrunde liegt? Nicht durch eine weitere Messung, für die das Messen wiederum Voraussetzung sein müßte! Das Erkennen selbst bedingt sein Prinzip, es existiert ein Prinzip des Erkennens, wegen des und durch das Erkennen. Die Weisheit ist bei Gott, daher auch unerkennbar und über alle weltliche Weisheit erhaben. Hier erkennt man wieder den Bezug zur negativen Theologie. Aber in allem Wahrnehmbaren glimmt ein Schimmer der unendlichen Weisheit und macht den Menschen strebsam, die Wahrheit zu suchen. In der Vernunft erhalten wir einen Vorgeschmack auf die höchste Weisheit, und dieser läßt uns nach der Quelle unseres Geistes suchen. Bei jedem Erfolg, mit dem der Mensch dem Geheimnis des Lebens auf die Spur kommt, wird er zufriedener und glücklicher. Wie gelangt man aber Cusanus zufolge in den Genuß der ewigen Weisheit? Man solle in allen geistigen Bemühungen stets darauf achten, daß der Geist eben von der höchsten Weisheit abstammt und deshalb auch stets zu ihr streben wird. Man soll seinen Geist formen und trainieren, wie in De coniecturis dargelegt worden ist, um der Weisheit immer näher zu kommen und mit der positiven Erfahrung des Wissens erfüllt sein. Um sich die ewige Wahrheit, die gütig ist, anzueignen, muß man allem Bösen und allen Lastern absprechen. Erkenntnisentwicklung ist – darin folgt Cusanus alten griechischen Traditionen – nicht zuletzt eine Frage der Moral. Cusanus benutzt zahlreiche Metaphern aus den Naturwissenschaften, um seine Ideen zu erklären. So zum Beispiel das Messen und Wiegen der Dinge, um zu verdeutlichen, daß die Einheit allen Zählens die Eins sei, oder daß sich Magnet und Eisen anzögen, weil sie gegenseitig einen "Vorgeschmack" voneinander hätten und zueinander strebten.

Die systematisch wichtigste Idee der Bücher über die Weisheit liegt in dem Gedanken des "Begriffs vom Begriff", welcher auf Gott übertragen wird. Die Suche nach dem vorausgesetzten Prinzip der Erkenntnis führt im ersten Schritt auf Begriffe. Denn um überhaupt verstehen zu können, bedarf der menschliche Geist ihrer. Da alles Verstehen über Begriffe erfolgt und alle Begriffe verbindet, daß sie Begriffe sind, so ist das Begriffsein des Begriffs oder der Begriff vom Begriff die Voraussetzung von Erkennen. Was dieser Begriff ist, kann folglich nicht unmittelbar in der Erkenntnis gesagt werden, weil er Voraussetzung von Erkenntnis ist. Gleichwohl macht jeder konkrete Erkenntnisvollzug klar, daß der menschliche Geist über eben diesen verfügt. Insofern stellt sich im Begriff vom Begriff die schöpferische Weisheit oder das Wort Gottes selbst dar.

In dem Dialog Der Laie über den Geist befaßt sich Cusanus infolgedessen mit der Frage, was der menschliche Geist sei und wie er im Verhältnis zum göttlichen funktioniere. Hier tritt der Laie als Löffelschnitzer auf, der sein Handwerk als Abbild der göttlichen Schöpfungskunst versteht. Als dritte Person kommt, neben dem Orator, ein Philosoph hinzu.

Für Cusanus ist der Geist (mens) eine immaterielle, lebendige Substanz, die aufgrund ihrer Existenz und für sich selbst zur Einheit, d.h. Gott strebt. Zunächst behandelt der Dialog den Ursprung des Geistes. Er klärt den Begriff der mens als Ableitung von mensurare (dt.: messen) und teilt die Geister auf in den unendlichen Geist und das Bild des unendlichen Geistes, wozu engelhafte und menschliche Geister zählen. Der menschliche Geist kann, anders als engelhafte, einen Körper beseelen und wird deshalb auch Seele genannt.

Bei der Benennung von Gattungen und Arten, so läßt Cusanus die Dialogpartner feststellen, sind die Namen aller bekannten Sprachen ungenau. Würde man eine Genauigkeit der Namen erreichen, so würden alle Namen der Dinge im Namen Gottes zusammenfallen. Benennung ist für Cusanus Ausdruck des Verständnisses; mit dem "Namen" nähert man sich dem Wesen der betreffenden Sache oder Person an. Erkenntnis ist also wiederum konjektural verstanden und geschieht in immer weiter sich vertiefender Annäherung.

Grundlage der Möglichkeit solcher Erkenntnis ist die Tatsache, daß der Geist als lebendiges Bild Gottes verstanden wird, denn Gott ist die Einfaltung aller Dinge und der menschliche Geist ein Bild dieser Einfaltung, indem in ihm die Begriffe eingefaltet sind. Alle anderen erschaffenen natürlichen Dinge hingegen sind bloße Ausfaltungen Gottes. Da der Mensch aber Bild der Einfaltung ist, verfügt er seinerseits über das kreative Vermögen der Ausfaltung, zumindest im Bereich der Ideen und hat in dieser Weise an der Gleichheit mit Gott teil.

Das schon in De coniecturis vorliegende Problem wird hier im Gegensatz von Platonismus (der von gegebenen Ideen ausgeht) und Aristotelismus (welcher den Menschen als leere Tafel beschreibt) aufgenommen. Die Lösung von Cusanus liegt darin, eine angeborene Urteilskraft (iudicium concreatum) einzuführen. Damit vermeidet er die (die schöpferische Kraft des Menschen beschneidende) Annahme gegebener Ideen ebenso, wie er eine vollständige Loslösung der Ideen als bloßer, willkürlicher Produkte des Geistes vermeidet. Ideen sind also kreative Erzeugnisse des Geistes, aber in das Sein integriert.

Damit entsteht aber die Frage nach der menschlichen Individualität. Cusanus diskutiert den Averroismus, der behauptet, es gebe nur eine einzige abgetrennte Vernunft, an der alle Menschen nur teilhätten; geistige Individualität ist auf dieser Basis nicht denkbar. Ohne den Objektivitätsgedanken in Frage zu stellen, betont Cusanus hingegen, daß es vielerlei individuelle Geister gibt, die sich nicht auflösen; auch wenn der Körper vergangen sein sollte, bleiben sie in ihrer Individualität bestehen.

Im letzten Dialog mit dem Titel Der Laie über Versuche mit der Waage ist der Idiota selbst ein "Naturwissenschaftler". Cusanus beendete dieses Buch am 13. September 1450. Das Gespräch handelt, anders als es der Titel vielleicht vermuten läßt, von der alles wirkenden Wahrheit, die dem Erkennen zugrunde liegt. Das Ewige ist nur durch das Endliche zu erreichen, und die Wahrheit läßt ihr Gesicht in den äußeren Erscheinungen durchblicken, die wir mit unseren Sinnen erfassen und mit unserem Geist erkennen. Für Cusanus ist die Beobachtung der Natur eine gültige Vorstufe der wahren Erkenntnis. Der Laie erkennt im Gespräch die verschiedenen Probleme und versucht, sie mit Experimenten zu erklären. Ihm gegenüber steht der Gelehrte, der zur Erklärung der Probleme keine neuen Erkenntnisse, sondern althergebrachtes Wissen heranzieht. Bei den Beschreibungen der Versuche kommt es Cusanus besonders auf den Versuch und die methodische Verbindung von Experimenten miteinander an, nicht auf die präzise Beschreibung einer Versuchsanordnung oder der Instrumente. Wie bei den Büchern über die Weisheit will er eine Objektivität der Erkenntnis sichern, die vom Subjekt verantwortet wird. Um die Nähe der beiden Bereiche zueinander zu verdeutlichen, kann man sich klar machen, daß die Haltung des Naturwissenschaftlers keine andere ist als die des Mystikers: Die "Gelassenheit" Meister Eckharts wird von Cusanus in die naturwissenschaftliche Objektivität und Distanziertheit übertragen. Cusanus' Denken zeichnet den Beginn der Naturwissenschaften vor, denn er erkennt und reflektiert nicht nur den Wert des Experiments, sondern legt mit seinen Überlegungen zugleich die Grundlagen für die Möglichkeit einer modernen Naturwissenschaft.

Die Idiota-Dialoge bilden insgesamt eine kompositorische Einheit; sie sind Ausdruck eines Grundgedankens. Man kann ihn sich klar machen, wenn man das Bild der Waage auf die Idiota-Dialoge überträgt. Der menschliche Geist bildet den Punkt, an die Waage aufgehängt ist. Die beiden Waagschalen sind die Erkenntnis Gottes und die Erkenntnis der Welt. Für Cusanus ist es wichtig, daß beide Seiten gleichmäßig und miteinander ausgebildet werden; gleichsam als Leitmotiv der Idiota-Dialoge verwendet er das an das Buch der Sprüche angelehnte Wort: "Die Weisheit ruft auf den Straßen, und ihr Ruf ist, daß sie in den höchsten Höhen wohnt."

zurück    |   Inhaltsübersicht    |   weiter
© 2007  August Herbst &  Institut für Cusanus-Forschung, Trier