C u s a n u s - O p e r

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De visione Dei

Mit den Idiota-Dialogen steht also die Frage nach dem Verhältnis von geistiger und sinnlicher Erkenntnis im Mittelpunkt. In der Folge arbeitet Cusanus dieses Verhältnis weiter aus. Mit der Schrift Vom Sehen Gottes / De visione Dei macht er deutlich, daß beide Formen der Erkenntnis ineinsfallen und gewinnt gerade damit noch einmal einen neuen Freiheitsgedanken und einen neuen Gottesbezug. Im Mittelpunkt der Schrift, welche an die befreundeten Mönche vom Tegernsee gerichtet ist, steht ein Experiment: Das mitgeschickte Bild einer allsehenden Christus-Ikone sollen die Mönche aufhängen und sich im Kreis (wie in der Schrift Über Gotteskindschaft) um es herum aufstellen. Sie werden erfahren, daß sie jeweils individuell angeschaut werden, und sie können, indem sie sich um das Bild bewegen, gewahr werden, daß es richtig ist, wenn die Mitbrüder behaupten, auch sie würden je individuell angeschaut. Diese Sozialphilosophie stützt sich aber nicht nur auf die Aspekte von Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern auch von Freiheit. Denn das Verhältnis zueinander ist durch dasjenige zum Bild bestimmt. Indem die Mönche auf es schauen, erleben sie sich als vom Bild Angeschaute. Das Argument, das alle Gottesvorstellung nur Bild des Menschen sei, setzt Cusanus nunmehr als positive Möglichkeit konjekturaler Erkenntnis ein: Gott ist tatsächlich so, wie er mir erscheint. Cusanus vergleicht das Sehen Gottes mit dem Blick durch ein rotes oder grünes Brillenglas auf den Schnee. Es kommt alles darauf an, das Glas zu reinigen. Diese Entscheidung und Tat ist aber Sache menschlicher Freiheit. Darum lautet der einzige Satz, welcher in der Schrift Gott als Anrede an den Menschen in den Mund gelegt wird: "Sei du dein, und ich werde dein sein". Selbstgestaltung führt dazu, Gott immer reiner erfahren zu können. In demselben Maße gleicht sich der Mensch an ihn, der ein perfekter Spiegel ist, an, d.h. er wird, in der Sprache des Cusanus, christusförmig.

De pace fidei

Diese Idee findet auch in der zweiten wichtigen Schrift dieses Jahres ihren Niederschlag finden. Über den Frieden im Glauben / De pace fidei ist wohl die Schrift, bei deren Abfassung Cusanus am meisten von der historischen Realität seiner Zeit geleitet worden ist. Er schrieb das Werk unter dem Eindruck des Falls von Konstantinopel. Am 29. Mai 1453 eroberten die Türken unter der Führung von Sultan Mohammed II. (1432-1481) die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches – damit war das ehemalige Römische Imperium endgültig Vergangenheit. Die Nachricht vom Fall Konstantinopels erreichte Cusanus knapp einen Monat später. Dieser tiefe kulturelle und religiöse Einschnitt beeinflußte Cusanus, der sich als Diplomat in Konstantinopel aufgehalten hatte, maßgeblich, so daß er sich zur Abfassung einer Schrift über die Weltreligionen entschloß. In den Folgemonaten arbeitete er intensiv an der Abhandlung und beendete sie im September 1453. In der Einleitung nennt er selbst uns einen konkreten Schreibanlaß; nämlich die Grausamkeiten, die auf beiden Seiten während des Kampfes um Konstantinopel verübt worden sind.

Die Thesen, die Cusanus in der Schrift aufstellt, sind vielfältiger Natur. Sein Kernargument ist die Ansicht, daß es im Grunde nur eine einzige wahre Religion gibt, auf deren Voraussetzung die Weltreligionen gemeinsam beruhen. Cusanus betont nicht die Differenzen in den verschiedenen theologischen Systemen, sondern arbeitet die Voraussetzungen (praesumptiones) heraus. Er inszeniert dazu in De pace fidei ein fiktives Gespräch, an dem gelehrte Vertreter von siebzehn verschiedenen Religionen und Völkern (z. B. Christen verschiedener Regionen, Araber, Juden und Inder) beteiligt sind. Sie werden zuerst vom Logos, dem Wort Gottes, angesprochen, denn von Petrus und Paulus, den Vertretern des Logos. Das Gespräch ist darauf angelegt, daß die Vertreter zu "einer einzigen Religion in der Verschiedenheit der Riten" (religio una in rituum varietate) finden, statt religiöse Konflikte mit Waffengewalt zu lösen. Die Inszenierung des Gespräches kann man so verstehen, daß die Vertreter der Religionen im Kreis um das Wort Gottes oder seine Vertreter stehen und in den jeweiligen Diskussionen ihre Spiegel bzw. Brillen reinigen. Somit entfaltet Cusanus in De pace fidei die Vorstellung eines interkulturellen, friedlichen Dialogs der Weltreligionen untereinander.

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© 2007  August Herbst &  Institut für Cusanus-Forschung, Trier