C u s a n u s - O p e r

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De beryllo

Auf den Gedanken der zu reinigenden "Brille" konzentriert Cusanus im Jahre 1460 noch einmal seine Überlegungen. Die Schrift Über den Beryll / De beryllo stellt den Versuch dar, in Auseinandersetzung mit der philosophischen Tradition eine geistige Brille zu schleifen. Das Buch will eine Praxis vermitteln, wie Cusanus eingangs schreibt, um durch das Aenigma, das Sinnbild, in dem Sinnlichkeit und Geistigkeit eins sind (also ein Bild, das nicht symbolisch auf etwas verweist, sondern dieses zugleich ist) den Menschen zu befähigen, in einer intellektuellen Schau wahrheitsfähig zu werden. Eine solche Schau ist dann gegeben, wenn das Erkenntnisbild nicht durch seinen sinnenfälligen Anteil bestimmt ist, sondern durch seinen geistigen. Am einfachsten wird dieser Sachverhalt an der Mathematik deutlich, ohne auf sie beschränkt zu sein. Wenn an einem Beispieldreieck bewiesen wird, daß die Innenwinkelsumme gleich zwei rechten Winkeln ist, dann schaut der menschliche Geist in dem Beispieldreieck alle Dreiecke: Er empfände es als lächerlich und unsinnig, den Beweis für jedes Dreieck neu durchzuführen. Im geschauten Dreieck wird also, obgleich es eines ist, zugleich das Wesen des Dreiecks selbst sichtbar.

De ludo globi

Da der Entwicklungsweg des Menschen in seine Freiheit gestellt ist, muß der Mensch über diesen Weg im Ganzen sich Rechenschaft ablegen. Vom Globusspiel / De ludo globi, welches eines der Spätwerke des Nikolaus von Kues darstellt (1462), behandelt vor diesem Hintergrund die Beziehung zwischen Menschen und menschlichem Leben sowie der Natur zu Gott. In diesem "spielerischen" Werk des Philosophen werden Wahrheiten in Form eines Denkspiels dargestellt. Das Spiel an sich, welches Cusanus selbst entwickelte, besteht aus einem Spielplan und einer Kugel. Der Spielplan, welcher auf den Boden gezeichnet ist, besteht aus 9 Kreisen, von denen jeder eine andere Geistesstufe darstellt. Mit den Kreisen, welche u.a. die neun Engelshierarchien, wie sie Ps.-Dionysius Areopagita in seinem Werk Über die himmlische Hierarchie schildert, symbolisieren, kommt auch das mittelalterliche Aufstiegsschema der Seele zu Gott in den Blick. Mit einer auf der einen Seite ausgehöhlten Kugel muß der Spieler versuchen, sich der Mitte der Kreise anzunähern, welche die höchste Geistesstufe, hier das Einswerden mit Christi, darstellt. Durch die Aushöhlung – der Mensch ist kein perfektes Wesen – verfolgt der Wurf keine gerade Bahn, sondern bewegt sich spiralförmig in immer kleiner werdenden Kreisen, bis die Kugel schließlich auf einem der Kreise zum Stillstand kommt. Dieses Verhalten der Kugel erschwert es dem Spieler, den Wurf vorauszusagen. Der Wurf ist, wie das Leben selbst, so scheint es, mehr oder weniger dem Zufall überlassen – obwohl auf der einen Seite makellos rund, verläuft seine Bahn chaotisch und wahllos. Doch zeigt die Spiralbewegung als Ineinsfall von gerader und kreisförmiger Bewegung, daß die Bahn durch die Individualität der Kugel bestimmt ist. Der Zusammenfall der Ordnung und des Chaos in der Freiheit wird deutlich. Während mittelalterliche Aufstiegsschemata Schritt für Schritt zu Gott emporstiegen, liegen im Weg des Cusanus je einzelne, existentielle, der Individualität verpflichtete Würfe, die sich gleichwohl auf ihre Weise in die Ordnung einfügen. Das Spiel zeigt, wie sich Geschehnisse in der Welt nicht vorhersehen lassen und sich immer neu zusammensetzen.


Die vorliegende Skizze zu Leben und Werk orientiert sich in ihrer Auswahl an den für die Oper wichtigen Themen. So verdichtet z.B. die letzte Szene von "Cusanus – Fragmente der Unendlichkeit" den gesamten geschilderten Entwicklungsgang in sprechende Bilder, Aenigmata im cusanischen Sinne. "Die Weisheit ruft auf den Straßen", singt der Chor, und wir begegnen dem Philosophen zwischen einem buddhistischen Mönch in meditativer Versenkung und dem Löffelschnitzer, der mit seinem öffentlichen Tun seine Mitmenschen in einen geist-neugierigen Dialog führt. Der Chor schließt: Wenn sich auch einer tausend Jahre mühen würde, etwas nachzuahmen, er würde doch eine vollständige Präzision nicht erreichen. Das ist die positive Quintessenz cusanischen Denkens, erlaubt sie doch, den Menschen als unendlich schöpferisches Wesen zu verstehen.

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© 2007  August Herbst &  Institut für Cusanus-Forschung, Trier