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UE 8-9 Stunden / Oberstufe

 

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Eine Unterrichtsreihe über Nikolaus von Kues: De ludo globi

von Gisela Kurth

Im Rahmen des zweiten Staatsexamens habe ich, wie es bei einem Gymnasium in der Nähe von Bernkastel- Kues angesichts des Jubiläums sich anbot, eine Unterrichtsreihe von 8-9 Stunden über das Globusspiel des Nikolaus von Kues in einem Grundkurs Latein der Jahrgangsstufe 13 durchgeführt. Es handelte sich um eine kleine Gruppe von sechs Schülerinnen und Schülern, mit denen natürlich ein intensiveres Arbeiten möglich war, als dies in einer großen Gruppe der Fall wäre.

Der Forderung der Didaktiker nach einem Gegenwarts- oder Zukunftsbezug der Texte für die Schüler kann Nikolaus von Kues insofern entsprechen, als die Auseinandersetzung mit antiken oder mittelalterlichen Denkmodellen Anlass sein kann, über Werte und Normen, ihre Relativität bzw. Verbindlichkeit, nachzudenken, darüber zu sprechen. Somit kann auch das Ergebnis des lateinischen Lektüreunterrichts ‚moralische Mündigkeit‘ sein.

Aus den zahlreichen Werken des Nikolaus von Kues mußte eine Auswahl getroffen werden, die auch für eine Zahl von sieben bis acht Stunden einen exemplarischen Blick auf sein Denken ermöglicht. Sein Hauptwerk ‚De docta ignorantia‘ ließ sich sehr schwer in Texten für eine kurze Unterrichtsreihe zusammenfassen; zum anderen stellte ich bei einer kurzen Veranschaulichung seines Gedankens des ‚Ineinsfallens‘ der Gegensätze im Unendlichen mit Hilfe geometrischer Figuren fest, daß einige Schüler die ‚coincidentia oppositorum‘ aufgrund der Tatsache, daß sie das rationale Denken übersteigt, nicht nachvollziehen konnten. Sein Werk ‚De pace fidei‘ bleibt trotz des großen Gedankens der Toleranz zwischen den Religionen und der logischen Induktion, daß alle Religionen und Riten im Grunde nur Explikationen der Einheit, der complicatio, sind, dennoch sehr dem Denken seiner Zeit verhaftet. Die Entscheidung fiel somit auf sein Alterswerk ‚Dialogus de ludo globi‘, in welchem er viele seiner grundsätzlichen Gedanken noch einmal zusammenfaßt und an einem Spiel veranschaulicht, das er selbst erfindet. Die Veranschaulichung schien mir trotz der Tatsache wichtig, daß es sich um achtzehnjährige Schüler handelt, bei denen entwicklungspsychologisch die Funktionen des theoretischen Gedächtnisses vorherrschen. Die Erfahrung zeigt, daß das besser behalten wird, was über mehrere Zugangswege internalisiert und verarbeitet wird.

Aus De ludo globi wurden relativ verständliche und anschauliche Stellen gewählt; die Thematik der Rundheit und der vollkommenen Rundheit in Gott sowie die Themen des Buches II wurden aus Gründen der didaktischen Reduktion nicht aufgenommen. Die Texte wurden von mir selbst zusammengestellt und mit Vokabelhilfen sowie Grafiken versehen. Vor Beginn der Reihe habe ich mit den Schülern einen Film des Bayerischen Rundfunks über Nikolaus von Kues angesehen, um sie ein wenig mit der Person des Cusanus und seinem Denken vertraut zu machen; zum Abschluß der Reihe erfolgte eine Exkursion zum Nikolaus Stift in Bernkastel-Kues.

Notwendigerweise entfiel aufgrund der Wahl des Faches ein großer Teil der Zeit auf die sprachliche Erarbeitung, die aber doch in jeder zweiten Stunde zu weitergehenden Reflexionen führte.

Die Reihe war so angelegt, daß die Schüler in den ersten Stunden nur die äußeren Bestandteile des Spiels (Globulus, Kreisbahnen = Spielfeld, Bewegung des Globulus, Spielregeln) kennenlernen sollten, um eine gewisse Spannung zu erzeugen, was das Ganze denn eigentlich bedeutete, welchen Sinn es hätte. Vor der Erarbeitung des 1. Textes haben wir das Spiel gespielt. Auf diese anschauliche Darbietung konnten die Schüler während der ganzen Reihe zurückgreifen.

Die letzten drei Stunden waren dann einer strukturierten Darstellung Spiel/ Philosophie sowie einer Diskussion der philosophischen Fragen Freiheit/ Schicksal / Zufall; Individualität / Nachfolge; Leib / Seele; Ziel(e) des Lebens; Fehlwurf und exercitia gewidmet. Bei dieser Diskussion beteiligten sich die Schüler lebhaft und interessiert.

Ich habe den Eindruck gewonnen, daß es sprachlich einer gewissen Gewöhnung an die Diktion des Nikolaus von Kues bedurfte und manche Begriffe, z.B. terrestreitas – Erdgebundenheit im Sinne von In-Leidenschaften-befangen-Sein der heutigen Schülergeneration fremd sind. Auf der anderen Seite sind die Sätze relativ kurz und schon unserem modernen Sprachempfinden entsprechend.

Die Schüler beschrieben in Auswertungsbögen das Thema als interessant, aber nicht als allzu schwierig. Dies ist darauf zurückzuführen, daß der größte Anteil der Texte das Spiel, die figura globi, die Spielregel usw. beschreiben und die alta philosophia nicht so ausführlich vertieft werden konnte. Die Textzusammenstellung gefiel, obwohl ich bei einer Wiederholung der Reihe im Spielteil kürzen würde, um mehr Zeit für die philosophischen Reflexionen zu haben. Eine Schülerin äußerte sich dahingehend, daß die Reihe noch umfassender hätte sein können. Bei einem größeren Budget an Stundenzahl könnte man daher noch mehr philosophische Textauszüge anfügen. Hinsichtlich der Erarbeitung wurden Paraphrasen statt Übersetzungen begrüßt, da sie das inhaltliche Verständnis mehr fördern.

Ich denke, daß das Spiel den Schülern Anstöße gegeben hat, über die Ziele des Lebens nachzudenken und darüber, inwieweit wir in unseren Entscheidungen und Handlungen frei sind. Manche Gedankengänge schienen den Schülern vielleicht zu einfach, so der Aspekt des Übens, um etwas zu erreichen, die Begradigung von Fehlern. Hier fehlt es in dieser Altersstufe noch an der Fähigkeit, die Dinge wirklich in longa meditatione zu beschauen und die Bedeutungsschwere für ein ganzes Leben zu erfassen.

aus: Litterae Cusanae, Band 1, Heft 1 (2001), S. 38f

© 2007  August Herbst &  Institut für Cusanus-Forschung, Trier